Aus dem Archiv der ExtraTip Mediengruppe.
vom 27.07.2010


Abschnitt für Abschnitt – die A44 wächst

Von INES  VOLLMER

Hessisch Lichtenau. Jetzt geht es in großen Schritten voran. Die A44 wächst. Der nächste Streckenabschnitt zwischen Walburg und Küchen steht in den Startlöchern, der Schulbergtunnel wird ebenso gebaut, wie der lange A44-Tunnel zwischen Eschenstruth und Hessisch Lichtenau. Der MARKTSPIEGEL sprach nun exklusiv mit Hessisch Lichtenaus Bürgermeister Jürgen Herwig über den Bau des 4,1 Kilometer langen Tunnels.

Marktspiegel: Herr Herwig, was ist das Besondere an dem Vorgehen beim Bau des Tunnels?

Bürgermeister Jürgen Herwig.  	Foto: Archiv

Jürgen Herwig: Das Besondere liegt hier im bergmännischen Vorteil, da der Tunnel bau von beiden Seiten statt findet. Von Eschenstruth und von Hessisch Lichtenau aus. Ursprünglich sollte kein 4,1 Kilometer langer Tunnel gebaut werden. Doch zwischen den Baupunkten befindet sich das FFH-Gebiet, das der Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere ist. So kam die Idee des langen Tunnels zustande, um zu vermeiden, dass Lebensräume zerstört beziehungsweise überhaupt erst in sie eingegriffen wird.

MS: Welche Reaktionen gab es zu diesem Tunnelbau aus der Bevölkerung?

Herwig: Fast 100 Prozent der Bevölkerung sind dafür, dass die Autobahn gebaut wird. Man wusste, dass wenn der ASV sagt, dass gebaut werden kann, alles in Ordnung sein wird.

MS: Sind Ihnen negative Stimmen zugetragen wurden?

Herwig: Nein. Mir ist nicht bekannt, dass sich jemand beschwert hätte.

MS: Können Sie etwas zu den Kosten sagen?

Herwig: Ja, das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Zum Ersten haben wir den Schulbergtunnel, der 700 Meter lang sein wird und der im  Rohbau 45 Millionen Euro kosten wird. Als nächstes haben wir den großen Tunnel, der mit 4,1 Kilometern 240 Millionen Euro kostet sowie als drittes den nächsten Streckenabschnitt zwischen Walburg und Küchen, der mit seinen 4,3 Kilometern 82 Millionen Euro kosten wird. Hierbei wird es noch einen Tunnel mit einer Länge von 1,3 Kilometern für 60 Millionen Euro geben. Ein entscheidender Punkt, der fast wie ein Konjunkturprogramm der besonderen Art für die Stadt und Region vor Ort fungiert.

MS: Inwiefern ein Konjunkturprogramm der besonderen Art?

Herwig: Es gibt bereits erste klare sichtbare Ergebnisse. Die engagierten Firmen haben rund 400 Quadratmerter an Büroflächen gemietet und sind mit sehr vielen Leuten vor Ort. Unterkunftskapazitäten werden stark nachgefragt. Außerdem werden auch Aufträge im Zusammenhang mit der A44 an Bau- und Handwerksfirmen aus der Region vergeben. So führt der Bau zu einem positiven Aufschwung für die Stadt.

MS: Und was passiert wenn der Bau abgeschlossen ist und alle wieder abreisen?

Herwig: Ich gehe davon aus, dass der Bau fünf bis sechs Jahre andauert. Danach will ich nicht nur hoffen, sondern es gibt bereits erste Interessebekundungen, dass es viele neue Ansiedlungen geben wird. Mit zwei Auf- und Abfahrten für Hessisch Lichtenau West und Mitte wird die Stadt umso attraktiver. Der große Vorteil ist, dass man Güter aus und nach Hirschhagen transportieren kann, ohne durch ein Wohngebiet zu müssen! Hessisch Lichtenau gewinnt an Lebensqualität, es wird als attraktiver Wohnstandort, direkt vor den Toren Kassels, wachsen. Ein guter Wirtschaftsstandort, einer der Spitzenreiter im Werra-Meißner-Kreis, wird sich ergeben.

Zug um Zug wird immer wieder jemand dazu kommen. Die A44 ist eine der wichtigsten Verkehrsverbindungsstrecken. Aus den Beneluxstaaten kommend möchte man direkt geradeaus fahren. Durch den Verkehr auf der A44 bei Hessisch Lichtenau und dem Kennenlernen der Stadt wird es Synergieeffekte geben: „Da will ich hin!“ Aber dafür muss die A44 fertig werden!

Zu der technischen Seite gab Reinhold Rehbein vom Amt für Verkehrs und Straßenwesen in Kassel (ASV) gegenüber dem MARKTSPIEGEL Auskunft.

MS: Welches Bauverfahren wird bei dem künftigen 4,1Kilometer langen Tunnel angewandt?

Rehbein: Die Neue Österreichische Tunnelbauweise (NÖT). Dabei wird zunächst eine senkrechte Wand aus Spritzbeton erstellt um dann aus dem Berg Stück für Stück zu entfernen beziehungsweise rauszusprengen. Der entstandene Hohlraum wird wieder mit Spritzbeton geschlossen und vorher mit Stahlbögen und Trägern gesichert. So arbeitet man sich Stück für Stück durch den Berg.

MS: War diese Bauweise von Anfang an angedacht?

Rehbein: Ursprünglich wurde überlegt mit einer Maschine, die sich wie ein Wurm durch den Berg gräbt zu arbeiten. Allerdings ist der Berg zu unterschiedlich beschaffen, so dass man die Zähne hätte auswechseln müssen, was im Berg natürlich nicht so einfach möglich ist. Das falsche Schneidewerk wäre zum Problem geworden.

MS: Können Sie etwas zu den Kosten der A 44 Bauabschnitte sagen?

Rehbein: Für die drei Bauabschnitte Verkerhskosteneinheit 20 (VKE), VKE 32 und VKE 12 sind insgesamt 396 Millionen Euro geplant. Insgesamt haben diese Bauabschnitte eine Länge von 12,5 Kilometern.

MS: Wann wird der lange Tunnel fertig sein?

Rehbein: Bergmännisch wird der Tunnel 2014 fertig sein und technisch, das heißt wirklich befahrbar 2016.


Extra-Info:

Das Bauverfahren

Hessisch Lichtenau. Beim Tunnelbau angewandtes Verfahren, das durch tief in das Gebirge reichende Anker, z. T. in Verbindung mit zusätzlichen Betoninjektionen und einem flexiblen Spritzbetongewölbe (Beton), das umgebende Gebirge zum Mittragen heranzieht, in gewissen Grenzen Verformungen zuläßt und damit zum Abbau der vom Gebirgsdruck hervorgerufenen Spannungen beiträgt. Nach dieser Methode hergestellte Tunnel kommen mit einem geringer dimensionierten Ausbau aus.

Quelle: Technik Lexikon (http://www.techniklexikon.net/d/neue-oesterreichische-tunnelbauweise/neue-oesterreichische-tunnelbauweise.htm)


 



Lesermeinungen zu diesem Artikel

Wolfgang Ehle schrieb am 29.07.2010 um 09:45:43
"Endlich hab ich es auch kapiert. Zitat Herwig: "Aus den Beneluxstaaten kommend möchte man direkt geradeaus fahren. Durch den Verkehr auf der A44 bei Hessisch Lichtenau und dem Kennenlernen der Stadt wird es Synergieeffekte geben: ?Da will ich hin!? Aber dafür muss die A44 fertig werden! " Das ist doch mal eine in sich schlüssige und verständliche Erklärung, warum die Millionen verbrannnt werden! "
Peter Pojezny, BSA schrieb am 02.08.2010 um 12:38:37
"Endlich geht es richtig los mit unserer A44!!!! Übrigens: die ersten Absichten unsere A44 zu bauen (zw.Kassel und Eisenach) sollen aus dem Jahr 1928 (!!!) stammen! Das sagt mehr als Tausend Worte!"
(Lesermeinungen sind keine redaktionellen Meinungsäußerungen)

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